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Beziehungslernen

Für mehr Liebe: Durch Polyamorie und Beziehungslernen

  1. Wir brauchen Beziehungslernen – egal, in welcher Beziehung

Ich lerne in all meinen Beziehungen. Egal ob als Elternteil, als PartnerIn, als Ehefrau/mann, FreundIn oder in Gemeinschaft. Für mich geht es in all diesen Beziehungen darum, wie ich leichter und länger in der Liebe bleiben kann. Und wie ich das, was mich daran hindert, aus dem Weg räumen kann. Für all meine Beziehungen ist es wichtig, dass ich in Liebesdingen erwachsen werde (R. Heeß) und die Verantwortung für meine Gefühle, meine Bedürfnisse und Handlungen übernehme. Wichtige Fähigkeiten sind für mich dabei u.a.:

  • Selbstliebe (nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch in Form von genug Selbstberührung und Solosex, genug Schlaf und Muse, gesunder Ernährung etc.);
  • Fähigkeit mit Verlustangst umzugehen, mit Bedürftigkeit und Unsicherheiten;
  • mich als handlungsfähig, hilfreich zu erleben und auf andere zuzugehen;
  • vertrauen und verzeihen zu können: Akzeptanz, Zuversicht und Weitergehen;
  • mich verbunden und als Quelle (nicht nur EmpfängerIn) von Liebe zu erleben.
  1. Polyamorie als Katalysator für Beziehungslernen

Wenn ich mehr als eine PartnerIn habe, dann bin ich öfter gefordert. Dann lande ich schneller bei Unsicherheiten, bei Eifersucht, Rivalität, Verlustängsten und Selbstwertthemen. Diese Themen entstehen meiner Meinung nach nicht durch die Polyamorie – sie sind schon vorher da. Seitdem wir Kinder waren und vielleicht Geschwister bekamen, nicht immer ausreichend emotional versorgt waren oder real verlassen und getrennt wurden. Die meisten von uns haben Verlassenheits- oder Vereinnahmungswunden (V. Dittmar) und wir können durch angeblich „sichere“ monogame Beziehungen versuchen, diese nicht zu berühren. Irgendwann passiert es doch und dann ist der Schmerz z.B. nach einem Streit, Seitensprung oder der plötzlichen Trennung groß. In polyamoren Konstellationen erlebe ich diesen Schmerz häufiger und dosierter – und bekomme mehr Übung darin. Ich merke, dass es mein Schmerz ist. Und bin bereit einen Weg daraus zu finden.

Außerdem lasse ich in der Polyamorie mit jedem Menschen, jeder PartnerIn andere Seiten von mir stärker ans Licht treten. Darüber lerne ich mehr von mir kennen und einzelne Seiten zu relativieren. Und ich lerne Differenzierung (D. Schnarch), dass wir unterschiedlich sein dürfen. Wir alle haben so viele Facetten. Dass alle sein dürfen, macht für mich (inneren) Frieden und damit Liebe aus.

  1. Polyamorie als Alternative für Trennungen – oder auch nicht

Polyamorie kann dazu führen, dass langjährige Beziehungen und alte Lieben erhalten und nicht abgeschafft werden. Dass Eltern zusammenbleiben und sich nicht automatisch trennen müssen, wenn dem einen oder beiden etwas Wesentliches fehlt und sie/er sich vielleicht neu verlieben. Wenn eine Beziehung trotzdem scheitert, liegt dies nicht unbedingt an der Beziehungskonstellation. Meist liegt es an unseren alten Glaubenssätzen oder Erfahrungen von Mangel, die wir nicht wirklich zu uns nehmen und immer noch denken, die/der andere sei „schuld“ oder uns etwas schuldig. Oder an überhöhten romantischen Vorstellungen oder an fehlenden Erfahrungen von konstruktiver Kommunikation, von Verhandeln, Grenzen setzen und Wünsche äußern, von Kooperation. All das kann mensch lernen, womit ich wieder beim 1. Punkt wäre…

  1. Was mir hilft – in jeder Liebesbeziehung

Am Ende brauche ich in all meinen Beziehungen wie oben benannt ähnliche Fähigkeiten. Die Fähigkeit, mich selbst zu regulieren, zu beruhigen oder zu trösten. Die Fähigkeit, Vertrauen zu haben oder mich verbunden zu fühlen. Die Fähigkeit, mich für Liebe und Wertschätzung bewusst zu entscheiden. Was mir dabei hilft, hängt nicht von der Beziehungsform ab – wenn auch Polyamorie (als Katalysator) dazu führt, dass ich mehr Gelegenheit zum Lernen habe. Was mir beim Lieben hilft:

Achtsamkeit – im Leben immer mehr im Moment anzukommen. Dies hilft mir, in Bewegung zu bleiben, mich und andere nicht festzuschreiben. Und manchmal auch einfach abzuwarten, bis wieder ein anderer Moment, ein anderes Gefühl entsteht.

Meine Gefühle „wahr“nehmen – sie weder wegmachen noch in ihnen versinken. Dafür braucht es einen liebevollen, konstruktiven Umgang mit ihnen. Auch dies kann ich lernen, z.B. in Psychotherapie, Selbsterfahrungsworkshops, Meditation, in Tanz, Musik, Kampfkunst, Sexualität und… Liebesbeziehungen!

Glaube nicht alles, was du denkst – unser Kopf hält uns manchmal eng und klein. In ihm entstehen Gedankenkreise, Verurteilungen, Festschreibungen. Wir können mit ihm aber auch vieles durchschauen. Dabei können andere helfen, zusammen sehen wir mehr.

Vertraue in dich und andere – und dass genug Liebe da ist. Wir brauche eine Alternative zum alten System des Mangels, der Isolation, des „Nicht gut genug seins“, zur Konkurrenz und deshalb zum Anhäufen von Geld und vermeintlicher Sicherheit. Wir brauchen Übung im entspannten Wissen, dass genug Liebe da ist und wir alle so wie so verbunden sind.

Es darf Spaß machen zu wachsen – auch wenn es manchmal Wachstumsschmerzen gibt. Lernbereitschaft ist für mich wesentlich für Beziehungen, gemeinsam mit Humor: über sich selbst lachen zu können.

Mein Resumée: Tue alles, was dir hilft, vom Kopf in den Körper, ins Gefühl und in die Lebendigkeit zu kommen – und damit in den Moment. Nur hier kann Liebe fließen. Liebe ist immer da. Wir nehmen sie nur oft nicht wahr, weil wir im Gestern und Morgen, im Hätte und Sollte gefangen sind. Den Menschen, der vor mir sitzt, kann ich nur im Moment treffen. Genau so wie die Liebe.

„Jenseits von richtig und falsch, da ist ein Feld. Ich treffe dich dort.“ (Rumi)

Siebenlinden, den 29.7.2018

Literatur (auch für monogame Beziehungen 😉 )
V. Dittmar (2015): beziehungsweise. Beziehung kann man lernen.
D. Easton & J.W. Hardy: Schlampen mit Moral. Eine praktische Anleitung für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer.
U.&H. Hagehülsmann (2011): Entschieden für dich. Freiheit und Abhängigkeit in der Liebe.
R. Heeß (2013): Ich liebe dich gerade. Erwachsen werden in Liebesdingen.
G.&K. Hendricks (1992): Liebe macht stark. Von der Abhängigkeit zur engagierten Partnerschaft.
D. Schnarch (2016): Intimität und Verlangen. Sexuelle Leidenschaft in dauerhaften Beziehungen.
O. Schott: Lob der offenen Beziehung. Über Liebe, Sex, Vernunft und Glück.